Dies ist mein 2. Artikel den ich für eine Ausgabe von Uwe Rosenbergs Magazin „Schule und Spiel“ schrieb. Viel Spaß bei lesen.
Rollen und Bleed – Von fremden Schuhen und dem Mut zur eigenen Passform

Gerade bin ich auf dem Weg zurück aus der Schweiz, von einem unglaublich tollen Wochenende mit noch viel tolleren Menschen. Für dieses Wochenende habe ich mein Leben getauscht mit Mira Krüger*. Meinen Namen habe ich am Eingang in den Bunker abgegeben (ja genau Bunker) und ihn erst am Ende des Wochenendes wieder aufgesammelt. Nun war ich über diese Zeit Angestellte, Soldat, Wächterin, Patient, Elektrikerin, Gefangene, Schwester, Tante, Freundin, Kollegin und noch einiges mehr. Nun ist das Spiel zu Ende und ich laufe wieder in den Schuhen von Josefine, von mir. Aber auch da bin ich mehr als nur eins – Ehefrau, Gast, Tochter, Beifahrer, Freundin, Therapeut, Student; und dies ist nur wieder ein Bruchteil meines Lebens.
Unser ganzes Leben besteht aus Rollen. Größere und Allgegenwärtigere – als Partner, Verwandte oder in einer beruflichen Funktion, aber auch kleinere Rollen – als Kunde, Fahrer oder eben Spieler. In jeder dieser Rollen müssen wir verschiedenen Anforderungen an uns und unsere Umwelt bestehen. Oft müssen wir dabei sogar den Spagat zwischen 2 oder mehr solcher Rollen gleichzeitig bewältigen. Manchmal gelingt dieser, und leider vereinzelt auch nicht. Ein Beispiel aus meinem beruflichen Alltag – wie gehe ich damit um wenn einer meiner Freunde plötzlich vor mir als Patient sitzt? Mein Beruf bringt einen gewissen Auftrag mit sich, welches mich in eine Art Hochstatus zwingt. Privat sieht die Sache anders, vielleicht sogar gedreht. Also schlüpfen wir nun beide für eine Stunde plötzlich in andere Rollen – und danach? Es fühlt sich seltsam an, habe ich doch als Therapeut eine andere Perspektive und würde andere Aussagen treffen.
WER BEREITET UNS AUF DIESES SCHAUSPIEL NUN VOR?
Nun im besten Fall unsere Eltern und die Schule. Nur haben die reichlich wenig Zeit einmal mit dem Kind in potenziell jede Rolle seines Lebens zu schlüpfen. Muss es doch selbst auch in der Lage sein sich selbst Rollen zu erarbeiten.
An diese Stelle kommt Mira Krüger zum Tragen. Im Spiel kann ich zunächst sein, wer ich möchte. Ob Superheld oder gar -schurke, Pirat, Astronaut oder gefeierter Koi-Karpfenzüchter. Spiele erschaffen uns die Möglichkeit innerhalb eines vordefinierten sicheren Rahmens in andere Rollen zu schlüpfen. Diese zu erproben – Schauen was uns daran gefällt oder nicht gefällt. Welchen Herausforderungen wir uns in dieser neuen Position stellen müssen und wie wir damit umgehen. Wenn das Ergebnis nicht gefällt – nun dann können wir das Spiel erneut starten und eine andere Route einschlagen. Oder womöglich ist genau dieses unerwartete Ereignis, dass was uns wachsen lässt. Wovon wir lernen und was uns als Spieler begleitet in die „echte“ Welt. Im Live Action Rollenspiel (LARP) – eine gemeinsam erlebte interaktive Geschichte, anhand einer vorbereiteten Rahmenhandlung mit vereinzelten fixen Eckpunkten – hat dieses Phänomen sogar einen Begriff. Bleed – das Einbluten des Charakters in den Spieler, als auch andersherum. Wenngleich dieser Bleed im LARP sicherlich am immersivsten und mitreißendsten ist treten gleiche Phänomene auch abseits der Rollenspiele auf. Beispielsweise beleuchtet Spirit Island das Thema Kolonialismus. Durch das Spiel aus Perspektive der Ausgebeuteten (bzw. der Naturgeister, welche das Land verteidigen) kann man sich innerhalb eines geschützten Rahmens dem Thema nähren und im Anschluss auch für sich selbst große Themen und dessen Umgang reflektieren. Manchem würde es helfen Dinge wie Rassengedanken und Klassismus einmal aus der anderen Seite zu betrachten. Eine Kompetenz, derzeit vielleicht wichtiger denn je zu erlernen.
WAS HABE ICH AUS DIESEM WOCHENENDE MITGENOMMEN?
Nun zuallererst – meine eigenen Schuhe sind mir die liebsten (und das meine ich wortwörtlich umso mehr als nur übertragend). Abseits dessen wurde mir deutlich vor Augen geführt, welche Entscheidungen Wach- und Sicherheitspersonen täglich treffen müssen. Genauso wie die Hilflosigkeit, wenn die Karten plötzlich neu ausgeteilt werden. Gleichsam aber auch wie wichtig es ist, einmal die Perspektive zu ändern. Wie schnell das eigene Bild durch Missinformationen getrübt sein kann und das bereits ein kurzes Gespräch dazu führen kann, dass die Schuhe des bisherigen Feindes plötzlich umso vertrauter aussehen.
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